
Ein Mensch liegt in einem Magnetresonanztomografen, sein Gehirn wird vermessen, und am Ende steht als Empfehlung eine schamanische Trommelreise. Das Bild wirkt widersprüchlich. Es beschreibt aber recht genau die Frage, die sich beim Neuroschamanismus stellt: Wird schamanische Praxis zugänglicher, wenn man sie mit Erkenntnissen der Hirnforschung erklärt, oder geht dabei verloren, was sie ausmacht? Für beide Antworten gibt es gute Gründe.
Das Argument der Sicherheit
Wer die wissenschaftliche Erklärung befürwortet, sieht in ihr vor allem einen Gewinn an Sicherheit. Wer mit einem Burnout oder mit starken Existenzängsten Hilfe sucht, braucht etwas, worauf er sich verlassen kann. Wenn verständlich ist, was im Körper geschieht, etwa dass eine verlängerte Ausatmung das Nervensystem beruhigt, fällt es leichter, sich auf ungewohnte Erfahrungen einzulassen.
Dazu passt ein Vergleich mit dem Klavier. Wer weiß, wie die Hämmerchen auf die Saiten schlagen, verliert die Scheu vor dem Instrument. Ebenso soll das Wissen um die Vorgänge im Körper die Angst vor dem Kontrollverlust nehmen und es leichter machen, sich auf die Trance einzulassen.
Wer seine Trance beobachtet, ist nicht mehr in Trance
Die Gegenposition bestreitet diesen Nutzen nicht. Sie fragt aber, was die Erklärung mit dem Erleben macht. Wer während einer Trommelreise darüber nachdenkt, welche Hirnregion gerade aktiv ist, steht neben der Erfahrung. Im Bild des Klaviers: Der Klavierbauer muss die Mechanik kennen. Der Pianist dagegen verliert den Fluss, sobald er beim Spielen an die Hämmerchen denkt.
Dazu kommt ein grundsätzlicher Punkt. Viele schamanische Traditionen zielen darauf, das eigene Ich für eine Zeit hinter sich zu lassen und sich etwas Größerem zu überlassen. Eine Praxis, die vor allem erklärt und reflektiert, könnte genau diese Bewegung bremsen. Die Sorge lautet, dass aus Göttern und Geistern am Ende Zahnräder im eigenen Kopf werden.
Halt zuerst
Die Antwort darauf setzt beim Zustand der Menschen an, die Hilfe suchen. Wer nach einem Schicksalsschlag ohnehin das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren, braucht zuerst Halt und keine unberechenbare Begegnung mit dem Chaos. Unbegleitete Experimente mit Trance können dissoziative Zustände auslösen, also das Gefühl, von sich selbst oder der Umgebung abgetrennt zu sein. Ein klarer Rahmen soll davor schützen.
Dafür steht das Bild vom Kamin. Das Feuer brennt genauso heiß, aber psychologisches Wissen mauert es ein, damit es nicht das Haus niederbrennt. Dagegen lässt sich halten, dass zu viele Schutzgitter das Feuer irgendwann wirken lassen wie eine Kaminfeuer-App auf dem Bildschirm. Es gibt keinen Rauch mehr im Zimmer, aber auch keine Wärme.
Was die Wissenschaft erklären kann
Ein Teil der Erklärungen ist gut belegt. Langsames Atmen mit langer Ausatmung wirkt über den Vagusnerv auf das vegetative Nervensystem. Das wird auch in der Traumatherapie und im Achtsamkeitstraining genutzt.
Andere Aussagen sind weniger gesichert. Dass Trommelschläge die Gehirnwellen auf einen bestimmten Frequenzbereich einstimmen, hat der Psychologe Andrew Neher Anfang der 1960er-Jahre vertreten; die These ist bis heute umstritten. Eine Untersuchung an Menschen mit Erfahrung in schamanischer Trance (Hove und Kollegen, 2016, Fachzeitschrift Cerebral Cortex) fand während der Trance eine veränderte Vernetzung bestimmter Hirnregionen. Die Trommelgeräusche selbst wurden weniger stark verarbeitet. Das beschreibt einen messbaren Unterschied, erklärt aber nicht, was jemand in der Trance erlebt und was es ihm bedeutet.
Die Wissenschaft ist in diesem Sinn eher eine Landkarte als der Weg selbst. Sie hilft, einen unbekannten Raum sicher zu betreten. Offen bleibt, ob das Wissen um die Mechanik die Angst nimmt, oder ob man im Bestreben, alles messbar zu machen, vergisst, wie es ist, sich dem Rhythmus einer Trommel einfach zu überlassen.
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