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Das Vier-Stufen-Modell in der schamanischen Reise

Das Vier-Stufen-Modell in der schamanischen Reise

Von außen wirkt eine schamanische Reise wie ein offenes, schwer greifbares Geschehen. Der Neuroschamanismus richtet sie an einem Modell aus der Kreativitätsforschung aus. Der britische Sozialwissenschaftler Graham Wallas hat es 1926 in seinem Buch „The Art of Thought“ beschrieben. Es teilt den Weg zu einer neuen Einsicht in vier Phasen, die Wallas Vorbereitung, Inkubation, Erleuchtung und Überprüfung nannte. Im Neuroschamanismus heißen sie Intention, innere Verarbeitung, Erkenntnis und Integration.

Ein naheliegender Einwand lautet, ein solches Schema mache aus einer Vision ein klinisches Verfahren. Die vier Phasen sind aber kein Ablaufplan, den man abhakt. Sie beschreiben, wie neue Einsichten oft zustande kommen, beim Lösen eines Problems im Beruf ebenso wie in einer schamanischen Reise.

Intention

Am Anfang steht die Absicht, mit der jemand in die Reise geht. Wer zur Sitzung kommt, beschreibt die eigene Lage und formuliert eine Frage oder ein Anliegen. Das kann eine berufliche Sackgasse sein oder ein Gefühl, das sich nicht einordnen lässt. Diese Phase ist bewusst und gedanklich. Sie gibt der Reise eine Richtung.

Innere Verarbeitung

Danach wird die Frage wieder losgelassen. In der schamanischen Praxis geschieht das mit einem gleichmäßigen Trommelrhythmus, der in einen veränderten Bewusstseinszustand führt. Das bewusste Nachdenken tritt in den Hintergrund.

Wie genau das Trommeln auf das Gehirn wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Untersuchung an Menschen mit Erfahrung in schamanischer Trance (Hove und Kollegen, 2016) zeigte, dass sich während der Trance die Vernetzung bestimmter Hirnregionen verändert und die Trommelgeräusche selbst weniger stark verarbeitet werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen.

Erkenntnis

In der dritten Phase tauchen Bilder auf: Landschaften, Tiere, Figuren, manchmal auch Erinnerungen. Oft kommt mit ihnen eine plötzliche Einsicht, die sich durch Nachdenken allein nicht eingestellt hätte.

Der Neuroschamanismus tut diese Bilder nicht als bloße Einbildung ab. Für ihre Deutung greift er auf die Archetypenlehre von C. G. Jung zurück. Jung ging davon aus, dass das Unbewusste in Bildern spricht und dass sich bestimmte Grundmuster in Mythen und Träumen vieler Kulturen wiederholen, etwa der Schatten, das göttliche Kind oder der weise Alte. Solche Bilder können einen Zugang zu Themen öffnen, die sich im Gespräch schwer fassen lassen.

Integration

In der letzten Phase geht es um die Umsetzung. Was in der Reise aufgetaucht ist, wird besprochen und daraufhin angesehen, was es für das eigene Leben bedeutet. Eine Einsicht allein bewirkt noch wenig. Erst wenn sie im Alltag umgesetzt und wiederholt wird, etwa im Umgang mit anderen Menschen oder mit einer belastenden Situation, können sich neue Gewohnheiten festigen. Dahinter steht die Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich durch wiederholte Erfahrung zu verändern.

Im Neuroschamanismus wird dieser Schritt begleitet, auch mit psychosozialer Beratung. Gerade die Übertragung in den Alltag ist der Teil, an dem viele gute Vorsätze scheitern, wenn man mit ihnen allein bleibt.

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