
Geister und Seelen
Menschliche Wesen verändern und überprüfen fortwährend ihre Umgebung, während zugleich die physikalischen Einflüsse des Universums auf sie wirken: Mensch und Umwelt sind eingebunden in einen Kreislauf von Handlung und Wahrnehmung. Weder der Mensch noch seine Umgebung hat Identität oder Bedeutung ohne das jeweils andere. Dieses Bild wechselseitiger Abhängigkeit prägt einerseits die moderne Ökologie und veranschaulicht andererseits das schamanische Weltbild, in dem die gesamte Natur von Geistern beseelt ist.
Was ist ein Geist im schamanischen Denken?
In jedem Glaubenssystem gehört das Verständnis von Geistern zu den grundlegenden theologischen und psychologischen Fragen. Im schamanischen Denken ist „Geist" am ehesten das Wesenhafte einer Erscheinung, das, was ein Tier zum Tier oder ein Werkzeug zum Werkzeug macht. Geist kann aber auch Bewusstsein bedeuten: Jede Kreatur, Bäume, Berge und Werkzeuge können ein dem menschlichen Bewusstsein ähnliches Seinsgefühl besitzen. Haben Geister eine eigene Existenz, können sie auch bewusst auf Menschen einwirken und Ereignisse auslösen. Sie können Menschen lieben, nähren und Mitgefühl für sie empfinden, sie aber ebenso angreifen, verschlingen oder in den Wahnsinn treiben.
Diese Art religiöser Empfindung ist einerseits das Ergebnis jahrtausendealter Erfahrung und bestimmt andererseits das Handeln innerhalb der Welt: Schamanismus ist eine praktische, pragmatische Religion, nicht nur eine mystische. Diese Empfindung von Einheitlichkeit verneint dabei nicht die deutliche Individualität einzelner Erscheinungen. Innerhalb des schamanischen Universums existieren viele Kategorien und zahlreiche verschiedene Geister mit eigenen Erscheinungsformen, Namen und Qualitäten. Der Geist der Sonne wird klar vom Geist des Mondes unterschieden, vielleicht als Geschwister, vielleicht als Mann und Frau.
Bärengeister gelten als groß und wild, Mäusegeister dagegen als ängstlich, aber fähig, durch schmale Spalten zu klettern. Der Geist des Messers schneidet, der des Topfes bewahrt auf. So wie jeder Mensch einmalig ist, hat jeder Fluss und jeder Berg seinen eigenen Geist, mit eigenem Namen, eigenen Fähigkeiten und eigener Wirkung auf die Menschen. Geister können Menschen heiraten oder sie mit einigen ihrer Fähigkeiten ausstatten, sind mit denselben Fähigkeiten aber auch in der Lage, sie zu überwältigen. Diese Doppeldeutigkeit spiegelt die Vieldeutigkeit der Umwelt selbst: Tiere, Landschaft und Wetter können, abhängig von ihrer momentanen Laune, ebenso erhalten wie zerstören.
Die Seele und ihr Verhältnis zum Körper
Das Bewusstsein der Geister kann mit dem menschlichen Bewusstsein verschmelzen. Weit verbreitet ist der Glaube, dass die Seele nach dem Tod als Geistwesen weiterlebt: Tote können zu Ahnengeistern werden oder Teil eines elementaren Geistes. Zugleich kann die Seele als Abbild des Körpers verstanden werden. Die Sora in Indien etwa sagen, die Seele werde im Blut aufbewahrt und habe daher die Form des Körpers, den sie durchströmt.
Schamanische Logik beginnt bei der Idee, dass die Seele den Körper verlassen kann. Das geschieht bei jedem, der stirbt, doch die Erfahrung der Träume zeigt, dass sich die Seele auch unabhängig vom Körper bewegen kann, ohne dass der Tod eintritt. Schamanische Gesellschaften betrachten den Seelenflug während der Trance daher oft als kontrollierte Form des Träumens, in der der Schamane eine unfreiwillige allgemeinmenschliche Erfahrung zu einer beherrschten Technik macht.
Viele Kulturen gehen davon aus, dass ein Mensch mehr als eine Seele besitzt. Die Seele des Schamanen kann in andere Reiche reisen, Seelen können von Geistern oder feindlichen Schamanen entführt werden, während der Körper währenddessen am Leben bleibt. Die wandernde Seele repräsentiert dabei Bewusstsein und Persönlichkeit, während eine zurückbleibende Seele den Stoffwechsel des Körpers aufrechterhält. Kehrt die erste Seele nicht zurück, überlebt die zweite meist nicht lange. In Teilen Südostasiens gilt es deshalb als gefährlich, jemanden abrupt zu wecken: Die Traumseele hat dann womöglich nicht genug Zeit, sicher zurückzukehren.
Die Anatomie der Psyche kann dabei noch wesentlich komplexer ausfallen. Die Inuit gehen verbreitet von einer dritten Seele aus, die den Namen der Person trägt und von einem Namensträger an den nächsten weitergegeben wird. Die Yuchi und die Sioux Nordamerikas wiederum kennen die Vorstellung von vier Seelen.
Die drei Seelen der Inuit
Bei den Inuit, früher häufig als „Eskimo" bezeichnet, wobei heute „Inuit" die bevorzugte Bezeichnung ist, findet sich eine der komplexesten Seelenvorstellungen indigener Kulturen. Anders als im Christentum gilt der Mensch nicht als Träger einer einzigen Seele, sondern als Zusammensetzung mehrerer spiritueller Komponenten. Zahlreiche ethnologische Quellen beschreiben ein Modell aus drei wesentlichen Bestandteilen.
Anirniq: der Atem- oder Lebensgeist
Anirniq gilt als Atemseele und Lebenskraft, die den Körper belebt. Beim Tod kehrt sie zur kosmischen Umwelt zurück, zu Sila, dem universellen Lebensprinzip. Das Konzept erinnert an das chinesische Qi, das indische Prana oder den Lakota-Begriff Niya, den Lebensatem.
Tarneq: die Geist- oder Wesensseele
Tarneq enthält die Persönlichkeit und das innere Wesen eines Menschen. Schamanen, Angakkuq genannt, konnten sie wahrnehmen und auf spirituellen Reisen nutzen. Sie kann sich zeitweise vom Körper lösen, etwa im Traum oder in Trance, und setzt ihre Existenz nach dem Tod fort. Tarneq entspricht am ehesten dem, was viele schamanische Traditionen als freie Seele oder Reiseseele bezeichnen.
Ateq: die Namensseele
Die vielleicht faszinierendste Komponente ist Ateq, die Namensseele. Ein Neugeborenes erhält oft den Namen eines verstorbenen Verwandten, und mit dem Namen wird auch ein Teil der spirituellen Identität übertragen: Charakterzüge, Fähigkeiten, Beziehungen und mitunter Schutzkräfte des Verstorbenen können auf diesem Weg weiterleben. Ein Kind wurde deshalb vielfach behandelt, als sei der Verstorbene teilweise zurückgekehrt, aus westlicher Sicht ließe sich von einer Form spiritueller Kontinuität oder Wiederverkörperung sprechen.
Einige Inuit-Gruppen unterschieden zusätzlich weitere Seelenaspekte, etwa Inusia als Vitalität und Lebensenergie, Inua als Wesenskern oder innere Kraft eines Wesens, Schatten- oder Doppelgängerseelen sowie Schutz- und Hilfsgeister der Schamanen. Eine einheitliche Dogmatik gab es dabei nicht: Je nach Region fanden sich unterschiedliche Modelle mit zwei, drei oder mehr Seelenbestandteilen.
Die Rolle des Angakkuq
Der Angakkuq, der Schamane, galt als Spezialist für die Seele. Zu seinen Aufgaben zählten die Rückholung verlorener Seelen, Seelenwanderungen, die Behandlung von Krankheit als Störung der Seelenbalance sowie die Kommunikation mit Tier- und Naturgeistern. Viele Krankheiten wurden entsprechend als Folge eines Seelenverlustes oder einer spirituellen Disharmonie verstanden.
Vier Seelen bei den Lakota und Dakota
Bereits im 19. Jahrhundert berichteten Ethnologen, dass verschiedene Dakota- und Lakota-Gruppen von mehreren Seelenanteilen des Menschen ausgingen. Ein Aufsatz im Journal of American Folk-Lore hält fest: „Among the Dakotas one soul stays in the lock of hair" – bei den Dakota verbleibe demnach eine Seele in der Haarlocke des Verstorbenen. Spätere Lakota-Forscher wie James R. Walker beschrieben verschiedene geistige Komponenten des Menschen; moderne Zusammenfassungen nennen häufig vier Aspekte: Nagi, die persönliche Geistseele, Niya oder Niyan, Lebensatem und Lebenskraft, Sicun oder Sican, geistige Essenz, Charakter und Willenskraft, sowie Taku Škan Škan, die Verbindung zur universellen Bewegung oder kosmischen Kraft. Diese vier Aspekte spiegeln die Bedeutung der Zahl Vier in der Lakota-Kosmologie wider: vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Lebensabschnitte.
Die Yuchi: eine offene Frage
Bei den Yuchi, in ihrer Eigenbezeichnung Tsoyaha, „Kinder der Sonne", sind die Quellen spärlicher. Die wichtigste ethnografische Untersuchung stammt von Frank G. Speck, „Ethnology of the Yuchi Indians" (1909). Auch in der Yuchi-Religion spielt die Zahl Vier eine zentrale Rolle, in vier Himmelsrichtungen, vier Winden, vier kosmischen Kräften und einer insgesamt vierteiligen Kosmologie. Ob Speck jedoch ausdrücklich von vier Seelen der Yuchi spricht, lässt sich anhand der zugänglichen Quellen nicht eindeutig belegen. Vergleichende Studien nordamerikanischer Religionssysteme deuten allerdings darauf hin, dass mehrere südöstliche Völker den Menschen als Zusammensetzung verschiedener geistiger Komponenten verstanden.
Die drei Seelen der Jívaro
Die Jívaro, heute meist als Shuar, Achuar, Aguaruna und Huambisa bekannt, leben im Amazonasgebiet Ecuadors und Perus und gehören zu den am detailliertesten dokumentierten indigenen Kulturen mit einer Lehre von mehreren Seelen, teils klarer ausgearbeitet als bei vielen nordamerikanischen Völkern. Der Anthropologe Michael J. Harner beschrieb in seiner Studie „Jivaro Souls" (1962), dass die Jívaro nicht von einer einzigen Seele ausgehen, sondern von mehreren unterschiedlichen Seelenkomponenten.
Nekás Wakán: die wahre Seele
Jeder Mensch besitzt sie von Geburt an. Sie bildet das gewöhnliche Bewusstsein und die persönliche Identität, bleibt während des gesamten Lebens im Menschen und setzt nach dem Tod ihre Existenz in der geistigen Welt fort. Sie entspricht am ehesten dem, was im Westen gewöhnlich als „Seele" bezeichnet wird.
Arútam Wakán: die Kraft- und Schutzseele
Die berühmteste Seelenform der Jívaro wird nicht mit der Geburt erhalten, sondern muss durch Visionen, Initiationen, Fasten, Rückzug in die Wildnis und weitere spirituelle Erfahrungen erworben werden. Sie verleiht Mut, Kraft, Glück, Gesundheit und Schutz vor Tod und Unglück. Vor allem Männer suchten traditionell nach einer Arútam-Erfahrung, um als Erwachsene spirituelle Macht zu erlangen, wobei ein Mensch nach neueren Darstellungen sogar mehrere Arútam-Kräfte erwerben kann. Die Arútam-Seele erinnert an das, was in anderen schamanischen Traditionen als Krafttier, Schutzgeist oder spirituelle Kraftübertragung beschrieben wird.
Muisak Wakán: die Racheseele
Diese Seele entsteht nicht bei jedem Menschen, sondern erst nach einem gewaltsamen Tod. Sie verbleibt in der Nähe der Welt der Lebenden mit dem Ziel, den Tod zu rächen oder einen Ausgleich herzustellen, und kann den Täter verfolgen und beeinflussen. Diese Vorstellung erklärt teilweise die historische Bedeutung von Fehden und Kopfjagd in der Jívaro-Kultur: Harner zeigt, dass Kriegs- und Kopfjagdtraditionen eng mit den Vorstellungen von Seele, Macht und Vergeltung verbunden waren.
Vergleich: Inuit, Lakota und Jívaro
| Aspekt | Inuit | Lakota / Dakota | Jívaro (Shuar) |
|---|---|---|---|
| Lebensatem, Lebenskraft | Anirniq | Niya (Niyan) | – |
| Persönliche, bewusste Seele | Tarneq | Nagi | Nekás Wakán |
| Erworbene spirituelle Kraft | Inua, Hilfsgeister | Sicun (Sican) | Arútam Wakán |
| Seele nach gewaltsamem Tod, Rache | – | – | Muisak Wakán |
| Fortdauer über Generationen | Ateq (Namensseele) | Ahnenbezüge | – |
| Kosmische Verbindung | Sila (Rückkehrpunkt des Anirniq) | Taku Škan Škan | – |
| Übliche Gesamtzahl | meist drei | meist vier | meist drei |
Auffällig ist, dass in allen drei Kulturen ein ähnliches Grundmuster wiederkehrt: eine Lebenskraft, die den Körper am Leben hält, eine persönliche oder bewusste Seele, die Charakter und Identität trägt, sowie eine dritte, erworbene oder übertragene Komponente, die über das gewöhnliche Leben hinausweist, sei es als Namensseele, als Ahnenbezug oder als spirituelle Kraft, die erst durch Initiation erworben wird. Obwohl die Inuit der Arktis, die Lakota der nordamerikanischen Prärien und die Jívaro des Amazonas tausende Kilometer voneinander entfernt lebten, entwickelten sie ähnliche Vorstellungen von einem mehrschichtigen, aus mehreren spirituellen Komponenten zusammengesetzten Menschenbild. Der entscheidende Unterschied liegt oft im Zeitpunkt: Während Inuit und Lakota eher von gleichzeitig vorhandenen Seelenaspekten ausgehen, entstehen bei den Jívaro manche Seelen erst im Laufe des Lebens oder nach dem Tod.
Die Vorstellung mehrerer Seelen ist in schamanischen Kulturen insgesamt weit verbreitet: Sibirische Schamanen kennen oft drei bis sieben Seelenanteile, im alten Ägypten unterschied man Ba, Ka und weitere Seelenaspekte, und zahlreiche indigene Völker Nordamerikas trennen zwischen Lebensatem, persönlicher Seele, Schattenseele und Ahnenseele. Der Mensch besitzt in diesem Denken verschiedene spirituelle Funktionen, die sich nach dem Tod unterschiedlich verhalten.
Bei den Jívaro ist die wandernde Seele eng mit der Schutzseele der Person verbunden. Bei den benachbarten Achuar hat eine lebende Person zwei Seelen sowie drei weitere, die erst nach dem Tod aktiv werden. Die verbreitete Vorstellung von Hilfsgeistern legt nahe, dass schamanische Kulturen einen Begriff von Person vertreten, der weniger eng an die reine Körperlichkeit gebunden ist, als es in modernen Industriegesellschaften üblich ist. Besonders die Arútam-Seele der Jívaro erinnert an Konzepte wie die schamanische Kraftseele Sibiriens, den Schutzgeist vieler nordamerikanischer Traditionen oder das persönliche Krafttier: Der Mensch wird hier nicht als festes Wesen verstanden, sondern als jemand, der durch spirituelle Erfahrung zusätzliche Seelenkraft erwerben kann. Das passt zu modernen neuroschamanischen Modellen, in denen Persönlichkeitsentwicklung nicht als statischer Zustand gilt, sondern als fortlaufende Erweiterung von Identität, Resilienz und innerer Kraft.
Dieser Überblick fasst ethnologische Literatur zu Seelenvorstellungen verschiedener schamanischer Kulturen zusammen. Er erhebt keinen Anspruch auf eine lückenlose Einzelbelegung jeder Aussage; wer tiefer einsteigen möchte, findet die genannten Autor:innen und Werke als Ausgangspunkt für die eigene Recherche.
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