Die SEANCE
von
Die Konsultation bei einem Balian ist ein ganz ungewöhnliches Ereignis für einen Beobachter aus dem Westen. Ungewöhnlich daran ist zunächst die Tatsache, dass die Klienten dem Balian keinerlei Informationen darüber geben, weshalb sie gekommen sind bzw. was sie von ihm wollen. Der Balian fragt sie auch nicht danach…
Da alle Klienten einen Balian Taksu vorwiegend deshalb aufsuchen, um mit einem Geist zu kommunizieren, werden die mystischen Kräfte, die der Balian von jenem Geist erhält, schon bald enthüllen, was seitens der Hilfesuchenden verlangt oder erwartet wird. Eine Trancesitzung beginnt regelmässig mit Gebeten und Opferungen, die dem persönlichen Geist des Balian Taksu dargebracht werden. Einige dieser Baliane gleiten in einer gewissen Theatralik in andere Seinsbereiche und Wirklichkeiten ab, wenn sie in Trance gehen. Andere schlüpfen so subtil in die Trance und auch wieder aus ihr heraus, dass ein Beobachter kaum weiss, ob das schamanische Medium gerade mit seiner eigenen Stimme spricht oder mit der des Geistes.
Nachdem der persönliche Geist des Balian Taksu angerufen wurde und nun anwesend ist, beginnt eine Art Frage- und Anwort-Session, bei der sowohl der Zweck des Besuches, als auch die Wünsche des Klienten vom Geistwesen selbst offenbart oder vorhergesagt werden. Der Geist, der mit veränderter Stimmlage aus dem Balian Taksu spricht, stellt nun dem Klienten eine ganze Serie gezielter, gleich darauf aber wieder sehr konfuser oder gänzlich verwirrter Fragen, deren Beantwortung jedoch immer nur mit einem Ja oder Nein erfolgen kann. Oftmals wird der Geist durch ein Verhalten irritiert, das er lautstark als "Dummheit seiner Klienten" bezeichnet. Und die Klienten gestehen natürlich ihre Dummheit ohne weiteres ein, weil sie sich ja in Gegenwart eines Geistes oder Gottes befinden. Diese Seance steigert sich bis zu dem Punkt, an dem der angerufene Geist bekannt gibt, dass nun der Geist eines anderen, vielleicht eines verstorbenen Verwandten erforderlich ist, um das vorliegende Problem zu lösen. Darauf hin wird vom Balian Taksu auch dieser Geist beschworen. Oftmals benötigt es längere Zeit, um auf diese Weise einer Familie anzuzeigen, dass deren Verhalten Probleme verursacht hat oder dass dem angerufenen Geist nicht genug Aufmerksamkeit dargebracht wurde.
Sehr häufig sind da auch solche Klienten bei einem Balian Taksu, die in eine aussergewöhnlich heftige Erregung geraten, wenn sie mit dem Geist eines verstorbenen Familienmitgliedes erstmals in Kontakt treten. Das ist durchaus verständlich, weil bisweilen auch solche Geister durch einen Balian Taksu sprechen, die mit einer bemerkenswerten Genauigkeit über intime Details der Familie Bescheid wissen - und dies, obwohl die erschienene Familie jenen Balian niemals zuvor getroffen hatte. Durch einige Baliane Taksu sprechen die Geister während der Trance mit einer Stimme, die beängstigend unterschiedlich ist, im Vergleich zur normalen Stimmlage dieser Baliane. Bei anderen wieder, ist sie von einem hoch erregten, emotionalen Klang, der von kurzen Lach- oder Grunzeinlagen unterbrochen wird.
Und oft äussert sich die Stimme eines in Trance befindlichen Balian in jenem weinerlichen Ton, der typisch ist für die Sprache bestimmter Charaktäre in einer Wayan Kulit Aufführung (beliebtes balinesisches Schattentheater mit religiösen Inhalten). Manchmal sind die Antworten des beschworenen Geistes ganz obskur und verwirrend; "delphisch" wäre ein passendes Adjektiv dafür. Einige Familien bringen Kassettenrecorder mit, damit sie die erhaltenen Informationen zu Hause immer wieder hören und mit den ältesten Familienmitgliedern diskutieren können, um gemeinsam herauszufinden, was sie bedeuten.
Sobald eine solche Seance vom eigentlichen Problem, welches die Familie abgeklärt haben wollte, abgleitet, können die Repräsentanten der Familie freundlich darauf bestehen, dass nun ihre Fragen beantwortet werden. Das Ergebnis mag schliesslich in einer ganzen Liste von Opferungen und Zeremonien bestehen, die der angerufene Geist der Familie aufträgt, um ein unrichtiges Verhalten wieder gut zu machen, eine Krankheit zu kurieren oder um etwaiges Unglück abzuwenden. Wenn aber das Problem eines Klienten oder einer Familie in einem Leid besteht, das ihnen von einem Feind durch schwarz-magische Operationen zugefügt wurde oder wird, dann wird der Balian Taksu die schwarz-magische Ursache für dieses Leid oder den verursachten Schaden enthüllen.
Solche Ursachen sind fast immer bestimmte, mit negativer Energie imprägnierte Objekte, die ohne Wissen des Opfers in einem Schrein der Familie versteckt, oder in deren Hauscompound vergraben wurden. Anlässlich solcher Seancen, wird vom angerufenen Geistwesen sehr oft auch die Identität jener Person enthüllt, die das anstehende Problem verursacht hat; zumindest aber werden solche Hinweise gegeben, die es dem Klienten ermöglichen, seinen Feind, Peiniger oder Schadensstifter zu identifizieren. Nachdem die Klienten zufrieden gestellt sind oder keine nützlichen Informationen mehr erhalten können, entlassen sie den aus dem Balian Taksu sprechenden Geist.
Der Balian kommt nun aus seiner Trance, was wieder eine gewisse Theatralik haben oder in einem simplen Erwachen bestehen kann. Der Balian Taksu mag nun bestärken, dass er oder sie nur als Medium für den Erhalt einer Botschaft gedient hätte und daher nicht der Botschafter selbst wäre. Wenn es einige obskure Punkte gibt, die einer näheren Abklärung bedürfen, dann mag der Balian seine Hilfe und seinen Rat anbieten. Aber in den meisten Fällen wird er anzeigen, dass ihm nicht das geringste von dem bewusst ist, was während der gerade abgeführten Seance von wem auch immer gesagt wurde.
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