Home Publikationen Service Organisationen Seminare Kontakt Termine
ASW-Österreich
Email:
+43 6507282096
 
 
Pentagramm Magisches Weltbild auf Bali

Das magische Weltbild

von

Wenn jemand aus dem Westen nicht für längere Zeit auf Bali gelebt hat, ist es für ihn beinahe unmöglich, zu verstehen, wie sehr die Beziehung der Balinesen zu ihrem Weltbild von mystischen Kräften, magischen Mächten und unerklärlichen Energien bestimmt wird. Ich spreche nicht nur davon, dass die Balinesen die Existenz dieser Kräfte kennen und versuchen mit ihnen klarzukommen. Vielmehr vertrete ich die Auffassung, dass die geschilderten spirituellen Phänomene eine ganz zentrale Position im balinesischen Weltbild einnehmen und dass sich die Balinesen dieser Kräfte stets bewusst sind. Ich spreche auch davon, dass ein Grossteil des Denkens und Tuns der Balinesen mit der Existenz dieser Kräfte in einem unmittelbarem Zusammenhang steht und auch damit, wie diese Energien und Mächte von ihnen auf bestmögliche Weise kontrolliert und gehandhabt werden können.

Die ganze Welt der Balinesen besteht aus kesaktian, ein selten gebrauchtes Wort, das soviel wie "magische Kraft" bedeutet. Ein Balinese verwendet dafür vielleicht das Eigenschaftswort sakti - magisch - aber die Existenz dieser magischen Kraft ist für ihn kein Gegenstand der Diskussion. Auf Bali werden daher auch solche Objekte als konzentrative Brennpunkte für mystische Kräfte betrachtet, die der westliche Mensch als ganz und gar untauglich qualifizieren würde, um damit irgendeine Wirkung auszulösen: sei es auf spirituelle Enerigien oder auf magisch zu ladene Gegenstände oder sei es gar auf andere Menschen. Leyaks können wohl als das erstaunlichste Phänomen auf dieser Schamaneninsel aus der Sphäre von kesaktian betrachtet werden. Aber sogar gewöhnliche Dinge, wie Essen und Kleidung, sind von einer grossen Menge Legenden, Zeremonien und religiösen Gebräuchen umringt.

Etikette ist auf Bali angebracht, wenn einem Gast oder einer höher stehenden Person Essen angeboten wird, und ebenso ist Etikette erforderlich, wenn das Angebotene angenommen oder ausgeschlagen wird. Opferungen von Nahrungsmittel werden vor jeder Mahlzeit vorgenommen. Nahrungsmittel sind beinahe ein Teil von allem und jedem. Auch Küchen und Oefen sind besondere Objekte, die spirituelle Kräfte besitzen und deshalb entsprechend behandelt werden müssen. Wichtige Nahrungsmittel, wie Reis, Kokosnüsse, Bananen und Bambus werden mit mystischen Kräften in Verbindung gebracht und werden beinahe zeremoniell verehrt. Auch Tiere besitzen mystische Kräfte. Bevor ein Tier zum Zwecke eines religiösen Opfers oder zur Nahrungszubereitung geschlachtet wird, wird ihm ein Opfer dargebracht und dabei werden Mantras rezitiert. Am Tage des Tumpek Arang, der alle 210 Tage wiederkehrt, werden Opfer für Kühe und Schweine dargebracht. Auf Dachrinnen und Wasserpumpen werden ebenso täglich Opfergaben dargeboten, wie an Flüssen, Seen, Dämmen und Abflussrohren. Der Kleidung, insbesondere jener, die mit den Sexualorganen in Berührung kommt, wird ebenfalls eine gefährliche Kraft zugeschrieben und man darf sich niemals in eine Position begeben, in der man sich unter einer solchen Kleidung befindet.

Nur ganz bestimmte Kleider sind angemessen für den Tempelbesuch, und eine Verletzung der Bekleidungsetikette wird oft mit unerwünschten und unvorhersehbaren Konsequenzen geahndet. Menstruationsblut wird eine ausserordentlich stark wirkende magische Kraft mit dem Ergebnis zugeschrieben, dass es menstruierenden Frauen nicht erlaubt ist, einen Tempel zu betreten. Blutbefleckte Kleidung muss von der übrigen Wäsche getrennt und fern von Plätzen getrocknet werden, an denen sich Menschen aufhalten. Juwelen, insbesondere Ringen mit Edelsteinen, wohnen magische Kräfte inne. Es gibt kaum einen Balinesen, der nicht einen Ring trägt, wobei dessen Stein stets irgendeine spezielle magische Kraft zugeschrieben wird. Ein gleiches gilt für Amulette. Selbstverständlich wird allen religiösen Gegenständen magische Kraft zugeschrieben. Holy Water ist eine extrem wichtige magische Substanz. Masken, welche in den unterschiedlichen religiösen Zeremonien verwendet werden, sind ausserordentliche Brennpunkte der Kraft.

Rangda- und Barong-Masken sind ganz besonders anker und müssen mit ganz ausserordentlicher Sorgfalt behandelt werden. Sogar den üblichen topeng - Masken muss mit Respekt begegnet werden. Und es gibt unzählige Geschichten über die Probleme, die diese Masken verursacht haben, weil ihnen nicht Opferungen zu den entsprechenden Zeiten dargebracht wurden. Masken, welche in traditionellen Aufführungen benutzt werden, dürfen selbst dann nicht einfach beiläufig behandelt werden, wenn man sie nicht als heilig betrachtet. Musikinstrumenten und Tanzkostümen werden regelmässig Opfergaben dargeboten. Opferungen werden auch für einen Gong - vor dessen Verwendung - in einer Veranstaltung durchgeführt. Himmelsrichtungen haben magische Kräfte auf Bali. Die kaja/kelod-Achse, die heilige/profane Achse der Balinesen, steuert alles auf der Insel. Farben und Zahlen werden stets berücksichtigt. Worte und Silben sind nicht nur Träger von Botschaften, sondern auch Verkörperungen mystischer Kräfte und das nicht nur in Form von Mantras, sondern auch für sich selbst. Bücher, insbesondere die lontars, haben mystische Kraft. Sogar Geräusche besitzen Kraft, nicht nur musikalische Melodien, sondern auch gewisse Silben, wie die mystischen und kraftvollen Silben ANG, UNG, und MANG, welche kombiniert OM hervorbringen. Ein gleiches gilt für die Tage der Woche, Monate und Jahre. Plätze, wie die Tempel, Friedhöfe, Märkte, Verbrennungsstätten, Berge, Seen und Flüsse besitzen eine spezielle Art mystischer Kraft und nur ganz bestimmte Tätigkeiten können an solchen Orten in Sicherheit durchgeführt werden. Sogar Autos und Mopeds haben mystische Kraft. Ein vorsichtiger Fahrer wird jeden Tag eine kleine Opfergabe in sein Auto legen oder an seinem Moped befestigen, bevor er es zweckentsprechend benützt. Die Balinesen sind nicht paranoid hinsichtlich der Gefahren in unserer Welt, aber sie sind sich derer zu jeder Zeit bewusst - zum Zwecke ihres eigenen Schutzes.
Diese magischen Kräfte sind zu jeder Zeit um sie herum anwesend und man kann nicht sagen, wann und wo sie eine Schwachstelle durchdringen und Probleme verursachen werden. Das Ergebnis dieses Denkens ist, dass von den Inselbewohnern tagtäglich Opferungen für fast alles Vorstellbare dargebracht werden. Dieses Denkschema folgt nicht der Aristotelischen Logik, daher können auf Bali manchmal Opfergaben für einen bestimmten Ring gleichzeitig auch eine bestimmte Krankheit heilen. Opferungen, die für einen Gong gemacht wurden, können einem Baby dabei helfen, sprechen zu lernen. Und das Klettern auf einem Baum an einem ganz bestimmten Tag, wird nach diesem Denken höchst- wahrscheinlich zu einem Unfall führen…

Nach(denk)bemerkung

Diese Art "Logik" war und ist auch dem Westen nicht gänzlich fremd, obzwar sie dort seit der Zeit der Aufklärung schwer in Misskredit gebracht wird. Die Abwertung bestimmter Weltbilder - auch schamanistischer und magischer - und die Bekämpfung von Denkschemata, die von der "Norm" abwichen, erfolgte im Westen entweder aus Gründen der Staatsräson, oder aufgrund religions- und wissenschaftspolitischer Interessenslagen.

Der vorherrschende Wille zur Macht in der westlichen Kultur bestimmt bis auf den heutigen Tage über Akzeptanz, Toleranz oder Ablehnung bestimmter Weltbilder. Und dieser kulturell bedingte Dominanzanspruch rät zu bestimmten Zeiten zur Repression Andersdenkender und ruft bisweilen sogar zu deren strafgerichtlicher Verfolgung auf…

Demgegenüber kann und darf man auf der kleinen Schamaneninsel Bali am anderen Ende der Welt gleichzeitig sogar beides sein: tot und nicht tot… Vor kurzem wurde hier ein Mann durch einen Unfall "getötet". Einige Tage später versammelten sich die Männer des Dorfes, um den Körper zu waschen und zum Zwecke der Verbrennung zum Friedhof zu tragen. Es ist Brauchtum, dass nach der Leichenwäsche verschiedene Objekte auf den Körper des "Toten" gelegt werden, welche diesen für die nächste Inkarnation fit machen sollen: Stahl auf die Zähne, um sie stark zu machen; Spiegelchen auf die Augen, um sie strahlend zu machen; ein Blatt des Intaran-Baumes auf jede Augenbraue, um sie attraktiv zu machen usw.

Als nun diese Tätigkeiten beendet waren, wendete sich einer jener Männer an meinen Freund und sagte, dass nun erst jene Person wirklich tot wäre. Das würde aber doch bedeuten, dass der Verunglückte bis zum Abschluss jenes eigenartigen Rituals - zumindest nach balinesischer Sichtweise - noch "gelebt" haben muss…

Info zum Autor:

Website:

 
Derzeit sind 6
Artikel zum Thema

Magie

vorhanden.