Hermetische Wissenschaft Teil 3
von
XVII. Das magisch-schamanische Weltbild
Sowohl auf Bali als auch im Westen gehen die Magier davon aus, daß alles Existierende miteinander in Verbindung steht. Diese Vorstellung resultiert daher, weil alles Seiende nur Ausdruck und Abbild jenes Wesens ist, das - im Gegensatz dazu - Alles-in-Einem ist. "Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort...", lesen wir in der Bibel. Dieser Satz macht zunächst für viele keinen Sinn. Mit einem Wort, das am Anfang der Schöpfung gewesen, und gleichzeitig bei Gott und schließlich sogar Gott Selbst gewesen sein soll, können wohl nur die Wenigstens etwas anfangen. Bedenkt man aber, daß dem Begriff logos in der ursprünglich ins Griechische übersetzten Bibelfassung nicht nur die Bedeutung "Wort" zukommen muß, sondern dieser Begriff auch mit "Vernunft" und "Sinn" übersetzt werden kann, dann läßt diese Möglichkeit auf einen Übersetzungsfehler in diesem Biebelabschnitt schließen.
"Am Anfang war der Sinn, und der Sinn war bei Gott, und Gott war der Sinn", sollte demnach wohl vermittelt und überliefert werden. Dieser Satz erweist sich nicht nur für den Magier als leichter nachvollziehbar, als das tradierte Bibelzitat.
Er bedeutet eben nichts anderes, als daß bereit vor dem eigentlichen Akt der Schöpfung ein Sinn vorhanden gewesen sein muß, dieser Sinn bei Gott gewesen ist, und daß Gott das Sinnvolle an sich ist. Wir sehen, daß diese Form einer zulässigen Übersetzung weit mehr Sinn ergibt als die tradierte. Und sie hat auch mehr Bedeutung für den folgenden Versuch einer Erläuterung des magisch-schamanischen Weltbildes.
Alles was der Mensch in der Welt der Erscheinungen, in der materiellen Welt, schafft oder wirkt, nimmt seinen Anfang - und hier drängt sich eine gewisse Analogie zu unserer Übersetzung auf - zunächst im Bereich des Geistigen.
"Der Wunsch ist der Vater des Gedankens", heißt es seit alters, und der Gedanke - die Idee also - ist das Vorbild für das Abbild des vom Menschen Geschaffenen. Der Wunsch - getragen vom Willen - ist der Motor für alles menschliche Handeln. Die Idee aber, die zu einer Vorstellung verdichtete Idee, ist das geistige Konzept oder der Plan, der jeder effektiven und bewußten Umsetzung menschlichen Tuns vorausgeht. Erst entsteht immer der Plan, und erst später entsteht das Gebäude, das darauf gründet. Erst kommt der Finanzierungsplan, dann folgt der Wohnungskauf. Erst die die zündende Idee, und erst dann ihre konkrete Umsetzung in der materiellen Welt...
Haben wir nun verstanden ? Wie oben, so unten: Erst der Sinn, das Wort, dann die Schöpfung... Oder, auf die Welt des Menschen übertragen: Erst die Idee, dann die Tat, die etwas hervorbringt...
Im magischen Weltbild des Westens wie des Ostens existieren ähnliche Vorstellungen über den Sinn und Zweck des Seins. Vom Augenblick eines Schöpfungsaktes an, ist demnach der göttliche Geist, der zuvor über den Wassern - der Potentialität - geschwebt hatte, von den höchsten Sphären in immer tiefere herabgestiegen. Dabei hat sich der Geist Gottes immer weiter verdichtet. Dieser Prozeß der Verdichtung, der in der tiefsten Sphäre, der Materie, endet, wird in der Esoterik als Involution bezeichnet. Materie ist demnach nichts anderes als der gefrorene Geist Gottes, der sich im Zuge der Involution immer mehr zu ihr verdichtete. Während der Involution büßen die energetischen Schwingung des herabsteigenden, geistigen Substrats zunehmend an Frequenz ein. Auf Grund dieses Prozesses, entsteht die Vervielfältigung aus der ursprünglichen Einheit: es entstehen so die Zehntausend Wesen, von denen uns schon Laotse sprach.
Die energetische Frequenz der herabsteigenden Kraft ist am geringsten, wenn sich die geistige Emanation zur Materie verdichtet hat. Umgekehrt ist sie in "höheren" Sphären um so höher, je weniger der Prozeß der Involution in diesen fortgeschritten ist.
Dem Strom der Involution steht der Strom der Evolution gegenüber. Beide Ströme sind gleichzeitig und gleichwertig im Universum vorhanden. Das Wort "Evolution" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie Entwicklung bzw. Entfaltung. Die akademische Wissenschaft anerkennt demgegenüber nur die rein biologische Evolution. Doch auch sie bestreitet nicht, daß nur das "ent-wickelt" oder "ent-faltet" werden kann, das zuvor eingewickelt oder ein-gefaltet worden war. Der Gedanke der "Ent-wicklung" setzt daher immer voraus, daß das, was entwickelt werden soll, im Moment noch verhüllt, und deswegen noch nicht sichtbar, aber dennoch in seiner Latenz bereits vorhanden ist.
Es wurde bereits angedeutet, daß die sprituelle Evolution den Gegenpol zur Involution im esoterisch-magischen Weltbild des Ostens wie des Westens bildet. Der Prozeß der Evolution ist somit ein der Involution entgegengesetzter und gegenläufiger: eine Art Rückabwicklung oder Umkehrung des Prozesses der Involution, ein Prozeß des fortschreitenden Aufstieges, vom Unbewußten zum Bewußten, von der Materie zum Geist, von der Vielfältigkeit zur ursprünglichen Einheit.
Die Bestimmung des zu Materie gefrorenen Geistes ist es, im Prozeß der Evolution seine Schwingungszahl immer weiter zu erhöhen, um dadurch wieder in immer höhere Sphären zu gelangen. Dies trifft selbstverständlich auf alle Erscheinungsformen im materiellen, wie im nichtmateriellen Bereich zu: auf Mineral, Pflanze, Tier und Mensch als Repräsentanten der belebten Natur ebenso, wie auf die kleinsten Bausteien der unbelebten Materie sowie auf die körperlosen Kräfte, Mächte, Wesen und Energien, welche einer höheren Sphäre als der irdischen angehören.
Wenn die Gesamtheit der Welt diesen Prozeß der Evolution durchlaufen hat, und alle Energie - nach Äonen - vollständig ent-wickelt und somit an ihren Ursprung und Ausgangspunkt - zu Gott oder zur Einheit - zurückgekehrt ist, dann ist der "Siebente kosmische Tag" abgelaufen. Der Plan der gegenwärtigen Schöpfung ist in diesem Augenblick erfüllt.
Das Vermächtnis, das uns H.P. Blavatsky in ihrer "Geheimlehre" hinterlassen hat, besagt unter anderem, daß ab diesem Moment die "Sieben Nächte des Kosmos" ihren Anfang nehmen werden. Gottes Geist wird dann - wieder für Äonen - über den Wassern der Potentialität schweben. Aber am Ende der siebten Kosmischen Nacht muß der erste der Sieben Kosmischen Tage neuerlich beginnen, und der Geist Gottes wird sich dann wieder in eine neue Schöpfung ergießen. Eine neue Involution in eine neue Welt wird damit ihren Anfang genommen haben...
Rückblick und Rückkehr
Nach dieser kleinen "Meditation", die uns ganz grundlegende esoterische Einsichten ermöglicht hat, um uns für das tiefere Verständnis des magischen Schamanismus zu "bereiten", kehren wir nun wieder zurück auf unsere irdische Ebene. Aus der profanen Welt kommend, wurde der geneigte Leser bisher Stück für Stück mit den Höheren Welten in Kontakt gebracht, ohne daß er dies bewußt durchschaut hätte. Allein durch das aufmerksame Lesen dieses Textes, hat der geneigte Leser eine höhere Sphäre betreten und sein Blick hat sich enorm geweitet. Er hat nun einen ersten Eindruck bzw. eine Vorstellung davon, was unter dem Begriff "Höhere Welten" überhaupt zu verstehen ist. Der geneigte Leser hat auf Grund dieses kleinen Ausfluges erkannt, daß es sich bei diesen Höheren Welten oder Sphären um Bewußtseinszustände unseres Geistes handelt. Der Schamane, der Magier, der Hellseher, der Priester und wie diese Esoteriker noch heißen mögen, wissen ebenfalls um diese veränderten Bewußtseinszustände. Sie alle bedienen sich bestimmter Techniken, um ihr Bewußtsein in ähnliche Sphären zu erheben, um von dort aus bestimmte Effekte zu erwirken bzw. auszulösen, die ihren Ausdruck und Niederschlag in unserer physischen Welt finden müssen. Das, was der eine oder andere während des Lesens als ein Hin- und Hergleiten zwischen ganz unterschiedlichen, zunächst vielleich sogar zusammenhanglos erscheinenden Themen empfunden haben mag, hat Methode und ist vom Autor beabsichtigt. Durch diese Methode soll der geneigte Leser immer mehr an jene subjektive Erfahrung herangeführt werden, durch die alles magische Wissen letztendlich erlangt werden kann. Wir verlassen nun die Esoterik im allgemeinen und wenden uns wieder ihr besonderen Ausprägung im balinesischen Schamanismus zu."
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