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Bali - Barong Magisch msytische Figur

Barong

Über das Symbol von ASW-Österreich - Die Geschichte von Barong und Rangda...

von

Ernst Stöger

Zum Gesamtkunstwerk wird balinesisches Tanztheater dort, wo Musik, Tanz und szenische Darstellung eine Handlungseinheit bilden, meist aus der balinesischen Sage oder Geschichte gespeist ist. Beides geht auf der Insel oft nahtlos ineinander über. Das zeigt der Barong, ein heute täglich an mehreren Plätzen der Insel in den Vormittagsstunden aufgeführtes Tanzdrama, dem früher in anderer Form gleichfalls rein sakrale Bedeutung zukam. In Barong und Rangda verkörpern sich für den Balinesen die beiden lebensbeherrschenden Gegensätze des Daseins: Gut und Böse. So wird hier Theater zum symbolischen Spiegelbild des Lebens.

Während Rangda ihr Vorbild in der balinesischen Geschichte hat, als die der schwarzen Magie mächtige Mutter des großen balinesischen Königs Airlangga, ist der Barong ein Fabelwesen in Löwengestalt. Mag sein, daß sich hinter dieser feinsinnigen Unterscheidung eine menschliche Grunderkenntnis verbirgt: Ein Mensch kann zwar ganz schlecht sein, aber niemals zum Sinnbild des Guten werden, sind doch jedem Menschen beide Seiten, Gut und Böse, angelegt. Das Böse freilich ist oft so stark, daß es das Gute völlig unterdrückt. Diese Macht, so meint wohl der Balinese, hat das Gute im Menschen nie. Deshalb muß es ihm als ein übermenschliches Wesen immer wieder mit aller Kraft vor Augen geführt werden.

Rangda, deren historisches Vorbild, König Mahendradatta, hoch in den Bergen über Kutri, am Bukit Dharma, als vielarmige Relieffigur dargestellt ist, gilt auf Bali bis heute als die Verkörperung demonischer Macht. Das Steinbild von Kutri zeigt sie in der Gestalt Durgas, der mächtigen Gattin Shivas, die auf Bali vor allem als unersättliche Todesgöttin und als auslösende Kraft Menschenopfer fordernder Naturkatastrophen gefürchtet ist. Rangda wohnt in jedem Dorf abseits in einem eigens für sie errichteten Pavillon im pura dalem, dem Totentempel. Ihr steinernes oder holzgeschnitztes Gesicht ist immer mit einem weißen Tuch bedeckt, damit niemandem durch einen unbedachten Blick auf dieses Urbild des Bösen Unglück widerfährt. Der Priester des Totentempels und ein geweihter, schriftkundiger Mann, der bei den Rangda-Tänzen die Maske der Urhexe trägt, sind ihre Diener.

Rangda-Masken gelten mit ihren hervorqeullenden, Schrecken erregenden Augen, den vier langen, hauerähnlichen Zähnen und der heraushängenden roten Zunge, die mit von ledernen Flammensymbolen umzugehen Spiegeln besetzt ist, als unheilbringend und werden deshalb in einem besonderen Raum des Totentempels streng unter Verschluß gehalten.

Die kostbare Barong-Maske mit ihrem Löwenfell dagegen wird im Dorftempel als ein Symbol des göttlichen Segens und der Hilfe in allen Notfällen aufbewahrt. Denn Barong-Keket, so der volle Name des volkstümlichen Fabelwesens, ist nicht nur der Schutzgeist des Dorfes, sondern auch der Hüter der Wälder und Fluren und der Wächter des Friedhofs, wo er das unheilvolle Wirken der Rangda zu bannen trachtet. Wenn der Tag des Barong gekommen ist oder ein drohendes Unheil im Dorf sein Auftreten erforderlich macht, schlüpfen zwei mit dem Fabelwesen und seinem Agieren vertraute Männer in das Kostüm und sind nun der Barong. Der eine schlüpft in die Vorderbeine und trägt die wuchtige Kopfmaske mit dem gewaltigen Unterkiefer, dessen Klappern als Stimme des Barong gilt, der andere bildet Leib und Hinterbeine. Die beiden müssen gut aufeinander eingespielt sein, um alle die vom Barong erwarteten wilden Bewegungen und Sprünge synchron ausführen zu können.

Berührt ein Kranker das Fell des Barong, so darf er auf Genesung hoffen. Das weiße Tuch der Rangda dagegen verursacht Übelkeit und kann einen Menschen sogar in Lebensgefahr bringen. So groß ist der Glaube des Balinesen an den Mythos des Tanzes und seine wandelnde Wirkung.

Heute freilich, wo der Barong neben seiner ursprünglichen, heilbringenden Funktion im Dorf an einigen Plätzen auch zur klingenden Kasse geworden ist, hat sich der Glaube an die Macht von Rangda und Barong schon sehr verändert. Immerhin fragte mich ein schlaues Bürschchen aus einem jener südbalinesischen Dörfer, die heute vom Barong leben: »Was wollen die Leute eigentlich, die uns die Vermarktung unserer alten Kultur vorwerfen?« Und er hielt die Antwort selbst bereit; »Schließlich wollen sie doch sehen, was wir ihnen zeigen. Und wenn wir gut dabei verdienen, so ist das der beste Segen, den wir vom Barong erwarten können. Wenn er uns böse wäre, würde er uns nicht die Dollars zufließen lassen.«

In diesen Worten drückt sich typisch balinesische Mentalität aus. Der Glaube, daß gut ist, was einem nützt, hat auch auf dieser Götterinsel viele Anhänger. Zudem dürfte es kaum ein zweites Theaterstück geben, das so wie der heute für Touristen zubereitete Barong Aufschluß über Leben, Geschichte und Glauben eines Volkes dieser Erde gibt. Wer hier zu sehen und zu verstehen weiß, lernt in einer Stunde mehr über Bali, als man auf weiten Fahrten durch die Insel erfahren kann. Denn Bali, das ist eben nicht in erster Linie historisches Betrachten, sondern vielmehr gegenwärtiges Erleben.

Und der Barong gehört dazu, auch wenn er von vielen Besuchern als reine Touristenattraktion« geschmäht wird. In den heutigen Barong-Aufführungen stellt sich zuerst der Barong vor, der dem Stück den Titel gibt. Dann folgt ein Legong-Tanz. Danach beginnt das eigentliche, vom Gamelan rhythmisch begleitete Schauspiel.

Zwei königliche Diener erscheinen und beklagen das grausame Schicksal ihres Herrn, des Prinzen Sadewa, der noch am gleichen Tag der Todesgöttin Durga geopfert werden soll. Sie benachrichtigen den ersten Minister des Reiches, der Sadewa wie seinen eigenen Sohn liebt. Der Minister erscheint mit der Königin, die tieftraurig über das von den Mächten der Unterwelt geforderte Opfer ist, dem sie aber aus religiösen Gründen nicht zu widerstreben wagt, da sie selbst im Bann einer Dienerin Durgas steht.

Die Hexe, die jedoch noch immer befürchtet, die Königin könne ihre Einwilligung zum Opfer des eigenen Sohnes versagen, verwirrt die Sinne der Königin, die nun auf ihren Sohn einschlägt und dem Minister befiehlt, den Prinzen zum Friedhof zu bringen, wo Durga herrscht. Der Minister weigert sich, den Befehl der Königin auszuführen. Doch da wird er selbst verhext und bringt nun Sadewa zum Friedhof, wo er ihn vor dem Haus der Todesgöttin an einem Baum festbindet.

In diesem Augenblick, da das Böse, verkörpert von Durga, der Tötenden zu siegen scheint, tritt Shiva in Gestalt eines Priesters auf. Er hat Mitleid mit dem jungen Prinzen Sadewa und schenkt ihm, den er nicht einfach aus dem Machtbereich Durgas befreien kann, Unsterblichkeit. Durga erscheint und möchte gemäß dem Ritus der Opferhandlung die Tötung Sadewas sofort vollziehen. Da erkennt sie, daß sie es mit einem Unsterblichen zu tun hat. Sie gibt sich geschlagen und bittet Sadewa, sie zu töten und sie damit von ihrer unterweltlichen Aufgabe zu erlösen. Doch Sadewa weigert sich, ihren Wunsch zu erfüllen.

Auch als Durgas schaurige Gehilfin Kaleka naht und an Sadewa das gleiche Ansinnen richtet, bleibt er standhaft. Da wird aus Kalekas Erlösungssehnsucht abgründiger Haß, und sie bietet alle ihre Zauberkräfte auf, um Sadewa doch noch zu vernichten. Zuerst verwandelt sie sich in einen wilden Eber, wird jedoch von Sadewa geschlagen. Auch als Riesenvogel kann sie Sadewa nicht besiegen. Und nun kommt der Augenblick des größten Schreckens, bei dem in dörflichen Barong-Aufführungen jedesmal ein ängstliches Raunen durch die Massen geht.

Kaleka verwandelt sich in den Inbegriff der Macht des Bösen - in die schwarze Hexe Rangda. Gegen sie vermag selbst der unsterbliche Prinz Sadewa nichts mehr. Rangda ist die Verkörperung einer Dimension des Bösen, die jenseits alles menschlich Vorstellbaren liegt. Dem unsterblichen Prinzen bleibt nur ein Ausweg. Er verwandelt sich mit Shivas Hilfe in den Barong. Nun stehen sich nicht mehr Menschen, Götter und Dämonen gegenüber, sondern Verkörperungen des absolut Guten und des absolut Bösen. Sie können sich gegenseitig nicht besiegen - sie symbolisieren die absoluten Extreme menschlichen Verhaltens auf dieser Erde.

Selbst als der Barong seine Helfer herbeiruft, die mit dem magischen kris bewaffnet sind, können sie nichts ausrichten. Rangda verwirrt sie, so daß sie die tödliche Waffe gegen sich selbst richten. Doch als sie sich in Verblendung mit der eigenen Waffe umzubringen versuchen, wendet sich das Geschick ein letztes Mal. Der Barong greift ein und hebt Rangdas Zauber auf. Allmählich erwachen die Helfer des Barong unverletzt aus ihrer Trance und werden von einem Priester mit Heiligem Wasser besprengt und so dem Leben wiedergegeben. Mit einem letzten Anschwellen der die Handlung begleitenden Gamelanrhythmen endet das symbolträchtige Spiel.

In dieser Barong-Aufführung ist alles gezeigt, was balinesische Religion und Lebensvorstellung beinhaltet. Das Menschenopfer an die Todesgöttin gehört zu den ältesten Bräuchen vorjavanischen balinesischen Glaubens und wurde wahrscheinlich schon vor dem Eintreffen erster indischer Brahmanen auf der Insel ausgeführt. Zur Zeit der historischen Rangda, der Mutter König Airlanggas, war es wahrscheinlich schon Legende. Trotzdem weiß die hindu-balinesische Religion noch immer von der Unersättlichkeit der Todesgöttin, die man 1963, beim viele Menschenopfer fordernden Ausbruch des Vulkans Gunung Agung, als die allein Verantwortliche ansah.

Ihr Reich besteht, weil die menschliche Welt voller Übel und Unreinheit ist. Liebe, Haß, Intrigen, Verblendung, Kampf, Überstehen - alles das sind Bestandteile unseres Lebens. Sie alle kommen im Barong vor. Weder das Böse noch das Gute haben, wie seine letzten Szenen zeigen, eine Chance, je die Alleinherrschaft unter Menschen anztreten. Die Erde ist weder Hölle noch Himmel; sie ist beides. Und beides lebt in jedem von uns. Nur wenn der Balinese nach den Vorschriften und Riten seiner Religion lebt und alles tut, was sie von ihm zur Unterdrückung und Besänftigung des Bösen fordern, hat er die Aussicht, ein in Grenzen glückliches, menschliches Leben führen zu können. Allein das Eingreifen des Priesters, so zeigt es die letzte Szene des Barong, bewahrt den Menschen vor Verirrung, Wahnsinn, Selbstvenichtung und unzeitigem Tod.

Info zum Autor:
Ernst Stöger
Präsident von ASW-Österreich

Website:
http://www.asw-at.org

 
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